Der Elefant im Schuhkarton
Warum ich aufhörte, gegen mich selbst zu kämpfen

Muss ich mich verstehen, um mich annehmen zu können?
Ich habe viele Jahre meines Lebens damit verbracht, mich selbst verstehen zu wollen.
Meine Gedanken, meine Gefühle, meine Ängste, meine Widersprüche. Meine Sehnsüchte und jene Seiten meiner Persönlichkeit, die mir manchmal selbst fremd erschienen.
Ich glaubte lange, dass ich mich zunächst verstehen müsste, bevor ich mich wirklich annehmen könnte.
Meine Reihenfolge lautete:
Verstehen → Annehmen → Verändern.
Heute stelle ich diese Reihenfolge infrage.
Denn was geschieht, wenn ich mich niemals vollständig verstehen werde?
Wenn ich nach zehn Jahren der Selbstreflexion noch immer auf Gedanken, Gefühle oder Verhaltensweisen stoße, die ich nicht erklären kann?
Muss ich dann weitere zehn Jahre suchen?
Oder darf ich mich bereits heute annehmen, obwohl ich noch immer Fragen an mich selbst habe?
Vielleicht beginnt mein Irrtum genau dort, wo ich glaube, mir zunächst eine vollständige Erklärung meiner eigenen Persönlichkeit schuldig zu sein.
Vielleicht muss ich mich überhaupt nicht vollständig verstehen, um mit mir selbst Frieden schließen zu dürfen.
Mein religiöser Schuhkarton
Doch bei mir kam noch etwas hinzu.
Ich habe es mir scheinbar einfach gemacht. Ich nahm die Religion und benutzte sie als Maßstab, um mein eigenes Ich zu beurteilen.
Ich teilte mich in zwei Kategorien ein.
Weiß: Alles, was nach den Maßstäben meiner Religion gut, richtig und gottgefällig war.
Schwarz: Alles, was nach diesen Maßstäben als sündhaft, falsch oder verwerflich galt.
Damit schien die Welt zunächst übersichtlich zu sein.
Ich brauchte mich nicht mehr zu fragen, warum ich etwas fühlte, dachte oder begehrte. Ich musste nur noch feststellen, in welche Kategorie es gehörte.
Und was in die schwarze Kategorie fiel, musste bekämpft werden.
Ich glaubte, auf diese Weise ein besserer Mensch werden zu können.
Tatsächlich hatte ich meinen inneren Kampf damit noch weiter verschärft.
Denn ich versuchte etwas Unmögliches:
Ich wollte einen Elefanten in einen Schuhkarton packen.
Dieser Elefant war meine gesamte Persönlichkeit. Mein Denken, mein Fühlen, meine Widersprüche, meine Bedürfnisse, meine Verletzlichkeit und meine Sehnsucht nach Freiheit.
Doch der Schuhkarton war viel zu klein.
Und statt die Größe des Elefanten anzuerkennen, versuchte ich, ihn immer weiter hineinzupressen.
Wenn Religion zum Korsett wird
Religion war für mich nicht nur ein Schuhkarton.
Sie wurde zu meinem Korsett.
Ein Korsett, das mich so eng einschnürte, dass ich kaum noch Raum hatte, mich selbst zu entdecken, geschweige denn anzunehmen.
Ich erlebte Angst und Gewalt.
Schon als Kind litt ich unter schwerem Asthma. Heute sehe ich in meinen damaligen körperlichen Reaktionen auch einen möglichen Ausdruck meiner inneren Not, eine Form der Abwehr gegen Lebensumstände, denen ich nicht entkommen konnte.
Ich will damit nicht behaupten, dass mein Asthma ausschließlich psychisch verursacht wurde. Aber ich kann die Erfahrungen meines Körpers nicht von meiner damaligen Lebenswelt trennen.
Ich durfte nicht einfach der Mensch sein, der ich war.
Ich sollte der Mensch werden, den die religiösen Vorstellungen meiner Umgebung für richtig hielten.
Und wenn ich daran scheiterte, lag der Fehler angeblich bei mir.
Nicht am Korsett.
Nicht bei den Menschen, die es immer enger schnürten.
Und schon gar nicht bei den religiösen Überzeugungen, mit denen mein Verhalten beurteilt wurde.
Nein.
Ich war das Problem.
Meine Gedanken. Meine Zweifel. Meine Bedürfnisse. Meine vermeintlichen Sünden.
Und manchmal war es der arme Teufel.
Mir wurde tatsächlich gesagt, dass der Teufel mich in der Zange habe.
Heute denke ich darüber anders.
Der Teufel hatte mich nicht in der Zange. Ich steckte in einem religiösen Korsett, das mir kaum Luft zum Atmen ließ.
Und ich frage mich, wie viele Kinder und Erwachsene noch heute unter solchen Vorstellungen leiden.
Wie viele Menschen lernen, sich selbst zu verurteilen, bevor sie überhaupt die Gelegenheit erhalten haben, sich selbst kennenzulernen?
Wenn der Elefant nicht hineinpasst, muss jemand schuld sein
Ich beobachte einen Mechanismus, der mich bis heute beschäftigt.
Was geschieht, wenn ein Mensch erkennt, dass sein religiöses Weltbild nicht mit seiner tatsächlichen Lebenserfahrung übereinstimmt?
Er könnte sein Weltbild hinterfragen.
Er könnte sich eingestehen, dass seine Überzeugungen möglicherweise unvollständig oder sogar falsch sind.
Er könnte den Schuhkarton öffnen.
Aber das würde bedeuten, sich der Unsicherheit auszusetzen.
Und Unsicherheit kann Angst machen.
Also wird häufig ein anderer Weg gewählt.
Der Schuhkarton bleibt unangetastet.
Stattdessen wird ein Schuldiger gesucht.
In manchen religiösen Gemeinschaften ist dieser Schuldige schnell gefunden: der Teufel.
Wenn ich zweifle, versucht er angeblich, mich vom Glauben abzubringen.
Wenn ich unerwünschte Gedanken habe, führt er mich in Versuchung.
Wenn ich Bedürfnisse empfinde, die nicht zur religiösen Lehre passen, soll ich dagegen ankämpfen.
Und wenn ich schließlich daran zerbreche, bestätigt mein Zusammenbruch womöglich noch die Vorstellung, dass ich mich in einem geistlichen Kampf befinde.
Das ist für mich eine erschreckende Umkehrung der Verantwortung.
Nicht das System wird hinterfragt, unter dem ein Mensch leidet.
Der leidende Mensch wird zum Problem erklärt.
Der Elefant passt nicht in den Schuhkarton. Aber statt den Schuhkarton infrage zu stellen, wird dem Elefanten vorgeworfen, zu groß zu sein.
Wenn Zweifel gefährlich werden
Besonders erschütternd finde ich, was geschieht, wenn Kinder beginnen, Fragen zu stellen.
Ein Kind entdeckt einen Widerspruch in der religiösen Lehre seiner Eltern.
Es versteht etwas nicht.
Es fragt nach.
Vielleicht sagt es irgendwann: Das kann doch gar nicht stimmen.
Und plötzlich steht nicht mehr die Frage im Mittelpunkt, sondern der Zweifel des Kindes.
Ich habe erlebt, wie Zweifel religiös bewertet wurden.
Wie aus einer Frage ein vermeintliches geistliches Problem wurde.
Wie der Versuch, eigenständig zu denken, mit der Vorstellung eines teuflischen Einflusses verbunden werden konnte.
Für ein Kind kann das verheerend sein.
Denn Kinder sind auf Liebe, Schutz und Zugehörigkeit angewiesen.
Was geschieht, wenn sie erleben, dass diese Zugehörigkeit davon abhängt, ob sie die Überzeugungen ihrer Eltern übernehmen?
Wenn sie für ihre Fragen beschämt werden?
Wenn ihnen Zuwendung entzogen wird?
Wenn sie möglicherweise sogar geschlagen werden, weil sie sich nicht dem religiösen Weltbild ihrer Umgebung unterordnen?
Dann wird Religion nicht mehr nur zu einer persönlichen Überzeugung.
Sie wird zu einem Instrument der Kontrolle.
Und der Mensch lernt möglicherweise etwas, das ihn über Jahrzehnte begleiten wird:
Ich darf nur dann dazugehören, wenn ich bestimmte Teile meiner selbst verleugne.
Der Schuhkarton unserer Gesellschaft
Doch ich erkenne diesen Mechanismus nicht nur in religiösen Gemeinschaften.
Ich entdecke ihn auch in unserer Gesellschaft und unserer Geschichte.
Menschen entwickeln Vorstellungen davon, wie die Welt zu funktionieren hat.
Sie schaffen politische Überzeugungen, gesellschaftliche Ideologien und moralische Ordnungssysteme.
Auch diese können zu Schuhkartons werden.
Und wenn die Wirklichkeit nicht hineinpasst, entsteht ein Problem.
Ich denke dabei an die deutsche Geschichte.
Jüdische Menschen wurden zu Sündenböcken gemacht. Insbesondere nach dem Ersten Weltkrieg wurden ihnen Krisen und Niederlagen angelastet, für die sie nicht verantwortlich waren.
Und dieser furchtbare Antisemitismus war keineswegs auf Deutschland beschränkt. Auch in zahlreichen anderen Ländern wurden jüdische Menschen über Jahrhunderte ausgegrenzt, verfolgt und für gesellschaftliche Missstände verantwortlich gemacht.
In Deutschland radikalisierte die nationalsozialistische Ideologie diese antisemitischen Feindbilder schließlich bis zum systematischen, millionenfachen Mord.
Ich frage mich, warum Menschen immer wieder andere zu Schuldigen erklären müssen, anstatt ihre eigenen Überzeugungen und ihr eigenes Handeln zu hinterfragen.
Und ich denke an unsere Gegenwart.
Ich beobachte, wie manche Menschen auf Angela Merkel schimpfen, als sei sie persönlich für sämtliche Schwierigkeiten unseres Landes verantwortlich.
Und ich beobachte, wie Migranten und Geflüchtete pauschal für gesellschaftliche Probleme verantwortlich gemacht werden, nur weil sie aus anderen Ländern stammen.
Natürlich darf und muss ich politische Entscheidungen kritisieren können. Auch die Entscheidungen Angela Merkels. Ebenso darf ich die Migrationspolitik und ihre Folgen kritisch hinterfragen.
Aber ich frage mich, was geschieht, wenn aus konkreter Kritik eine pauschale Schuldzuweisung wird.
Wenn eine einzelne Person oder sogar eine ganze Bevölkerungsgruppe zum Erklärungsmuster für eine komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit gemacht wird.
Die historischen Dimensionen dieser Beispiele sind selbstverständlich nicht gleichzusetzen.
Doch ich erkenne darin einen verwandten Mechanismus: die Suche nach einem Schuldigen, wenn das eigene Weltbild nicht mehr trägt.
Es ist, als würde ich eine Fensterscheibe einschlagen und anschließend behaupten, Angela Merkel, irgendein jüdischer Mensch oder ein Migrant sei schuld.
Ich müsste mich dann nicht mit meiner eigenen Handlung auseinandersetzen.
Ich hätte ja bereits einen Schuldigen gefunden.
Wie praktisch!
Und wie gefährlich.
Denn solange ich einen anderen Menschen für das Scheitern meines Weltbildes verantwortlich machen kann, muss ich mein Weltbild nicht infrage stellen.
Der Schuhkarton bleibt heil. Auch wenn dafür andere Menschen zerbrechen müssen.
Und wo bleibt die Schöpferin?
Für mich hat die Schöpferin nichts mit dem Anspruch religiöser Institutionen zu tun, das Göttliche vollständig erklären oder besitzen zu können.
Ich unterscheide heute zwischen meiner Ahnung vom Göttlichen und den menschlichen Versuchen, diesem Göttlichen einen festen Namen, eine Ordnung und verbindliche Regeln zu geben.
Religionen erscheinen mir als Versuche, etwas Unermessliches begreifbar zu machen.
Das menschliche Bedürfnis danach kann ich verstehen.
Aber ich frage mich, was geschieht, wenn aus einem solchen Versuch ein Anspruch auf absolute Wahrheit wird.
Wenn Menschen glauben, genau zu wissen, was GOTT denkt, will, liebt oder verabscheut.
Wenn sie daraus ableiten, wie andere Menschen leben, lieben, denken oder fühlen dürfen.
Dann wird nicht nur der Mensch in einen Schuhkarton gepackt.
Dann wird sogar versucht, GOTT selbst hineinzuzwingen.
Und wehe dem Menschen, der darauf aufmerksam macht, dass der Elefant gar nicht hineinpasst!
Dabei möchte ich nicht behaupten, das Göttliche besser zu verstehen als andere Menschen.
Ich möchte nicht meinen alten religiösen Schuhkarton durch einen neuen ersetzen.
Vielleicht ist auch meine heutige Vorstellung von der Schöpferin nur ein weiterer Versuch, mich einem Geheimnis anzunähern, das größer ist als mein Verstand.
Aber ich möchte dieses Geheimnis nicht mehr benutzen, um mich selbst oder andere Menschen zu verurteilen.
Ich möchte es offenlassen dürfen.
Selbstannahme statt Selbstverurteilung
Und damit kehre ich zu meiner ursprünglichen Frage zurück.
Muss ich mich verstehen, um mich annehmen zu können?
Ich glaube heute: Nein.
Ich habe viele Jahre damit verbracht, mich selbst zu untersuchen.
Ich wollte wissen, warum ich bestimmte Dinge tue, obwohl ich weiß, dass sie mir nicht guttun.
Warum ich manchmal gegen meine eigenen Interessen handle.
Warum ich Ängste empfinde, die mein Verstand nicht nachvollziehen kann.
Und warum ich gelegentlich etwas tue, obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, es nicht mehr zu tun.
Lange glaubte ich, dass ich diese Widersprüche erst auflösen müsste, bevor ich mit mir selbst Frieden schließen könnte.
Doch vielleicht war bereits diese Voraussetzung ein Irrtum.
Vielleicht habe ich unbewusst versucht, ein neues Korsett zu erschaffen.
Diesmal nicht aus religiösen Geboten, sondern aus Selbstanalyse, Kontrolle und dem Anspruch, mich vollständig verstehen zu müssen.
Der Schuhkarton hatte lediglich seine Farbe verändert.
Und noch immer versuchte ich, den Elefanten hineinzupressen.
Heute möchte ich etwas anderes versuchen.
Ich möchte mich annehmen, auch wenn ich mich nicht vollständig verstehe.
Ich möchte mir vergeben, wenn ich gegen meine eigenen Überzeugungen oder Interessen gehandelt habe.
Nicht, weil mein Verhalten dadurch richtig wird.
Nicht, weil ich keine Verantwortung mehr tragen möchte.
Sondern weil ich erkannt habe, dass Selbstbestrafung nicht dasselbe ist wie Verantwortung.
Ich kann einen Fehler eingestehen, ohne mich selbst dafür zu verachten.
Ich kann mich entschuldigen und versuchen, einen Schaden wiedergutzumachen.
Ich kann lernen und mich verändern.
Aber ich muss dafür keinen Krieg mehr gegen mich selbst führen.
Ein anderer Weg
Vielleicht möchte ich deshalb meine bisherige Reihenfolge verändern.
Früher dachte ich:
Verstehen → Annehmen → Verändern.
Heute könnte mein Weg anders aussehen:
Annehmen → Mir selbst vergeben → Vielleicht verstehen → Vielleicht verändern.
Ich sage bewusst vielleicht.
Denn ich möchte aus dieser neuen Reihenfolge kein weiteres Gesetz machen.
Ich muss mich nicht verändern, nur weil ein anderer Mensch bestimmte Seiten meiner Persönlichkeit ablehnt oder ich selbst mit ihnen unzufrieden bin.
Ich darf zunächst lernen, diese Seiten anzunehmen, ohne sie deshalb gutheißen oder unverändert beibehalten zu müssen.
Und wenn ich mich verändern möchte, dann nicht, weil ich mich ablehne, sondern weil ich bewusst einen anderen Weg wählen möchte.
Und ich muss mich auch nicht vollständig verstehen, um ein verantwortungsbewusstes Leben führen zu können.
Was ich an mir ablehne, darf ich dennoch annehmen.
Was ich an mir nicht verstehe, darf trotzdem zu mir gehören.
Und was ich mir selbst vergebe, muss ich nicht länger mit Selbstverachtung bekämpfen.
Vielleicht bedeutet Freiheit für mich nicht, endlich alle Widersprüche meines Lebens aufzulösen.
Vielleicht bedeutet sie, mit diesen Widersprüchen leben zu lernen, ohne mich dafür zu verurteilen.
Vielleicht beginnt meine wirkliche Selbstannahme genau dort, wo ich aufhöre, mich selbst in einen Schuhkarton hineinzuzwingen.
Und vielleicht gilt das nicht nur für mich.
Vielleicht würden wir als Menschen friedlicher miteinander leben, wenn wir aufhörten, einander in unsere religiösen, politischen und gesellschaftlichen Schuhkartons zu pressen.
Wenn wir nicht mehr jede Abweichung als Bedrohung betrachten würden.
Wenn wir nicht für jeden Widerspruch einen Schuldigen suchen müssten.
Wenn wir lernen könnten, dass ein anderer Mensch nicht falsch sein muss, nur weil er nicht in unser Weltbild passt.
Vielleicht liegt das Problem gar nicht beim Elefanten.
Vielleicht war der Schuhkarton von Anfang an zu klein.
Und vielleicht müssen wir endlich aufhören, den Elefanten dafür zu bestrafen.
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